Eine kleine Anleitung zum Selbststudium

Kleiner Ratgeber mit methodischen Hinweisen zum Selbststudium.
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EinfĂŒhrung

Selbststudium erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Motivation und eine planvolle Vorgehensweise, die gerade dadurch, dass man sie selbst bestimmen kann und nicht von einem erfahrenen Lehrmeister vorgegeben wird, auf viele Abwege fĂŒhren kann. Es sollen einige Tips gegeben werden, wie man erfolgreich neues Wissen erwerben und schwierige ZusammenhĂ€nge verstehen kann.

Als Leser soll man aber stets bedenken: Die hier empfohlenen Arbeits-, Lerntechniken und Vorgehensweisen beruhen großteils auf Erfahrungen des Autors und sind keineswegs "wissenschaftlich belegt".

Die wichtigsten RatschlÀge kurz gefasst

Man kann die wichtigsten RatschlĂ€ge kurz zusammenfassen – einige werden im Anschluss ausfĂŒhrlicher erlĂ€utert:

  1. Versuchen Sie immer zuerst, sich einen Überblick zu verschaffen, was Ihnen in der nĂ€chsten Etappe bevorsteht (Inhaltsangabe, EinfĂŒhrung und Zusammenfassung studieren) und versuchen Sie dies in einen grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang einzuordnen.
  2. Versuchen Sie jedes Detail zu verstehen. Dies ist die eigentlich harte Arbeit und erfordert hohe Motivation.
  3. Letzteres wird erleichtert, indem man Verbindungen herstellt zu bereits vertrauten Sachverhalten. Formulieren Sie fĂŒr sich klar und deutlich: Worin besteht der Zusammenhang, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu bekannten Tatsachen gibt es?
  4. Überlegen Sie sich eine Anwendung, in der Sie den neuen Inhalte ausprobieren und sich selbst testen können, wie weit ihr VerstĂ€ndnis fortgeschritten ist.
  5. Versuchen sie nicht stur linear vorzugehen, sondern denken Sie in RĂŒckkopplungen: Jedes grĂŒndlich verstandene Detail erlaubt eine bessere Einordnung in den Gesamtzusammenhang, Erfolge in der Anwendung helfen, die Theorie besser zu verstehen, jede aufgedeckte Verbindung erlaubt Analogien einzusetzen und so weiter.
  6. Machen Sie sich keinen Zeitplan: Unter Druck zu arbeiten fĂŒhrt selten zu Lernerfolgen und kann jede Motivation abtöten. Lassen Sie sich lieber von Ihrer Neugierde und von Fragen leiten, die sich von selbst einstellen.

Einige RatschlĂ€ge ausfĂŒhrlicher erlĂ€utert

Top to down oder down to top?

Bei jedem neuen Gebiet, in das man sich einarbeiten möchte, stellt sich die Frage: Soll man zuerst versuchen, möglichst viele Details zu erfassen und erst spĂ€ter alles in einen grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang einzuordnen oder soll man umgekehrt vorgehen?

Da es uns leicht fĂ€llt, Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven und auf unterschiedlichen Abstraktionsniveaus zu betrachten, kann man eindeutig sagen: Man soll immer zuerst versuchen, Neues top to down zu erfassen. Ebenso soll man vorgehen, wenn man einen Überblick ĂŒber den zu lernenden Stoff verschafft: Immer zuerst den Stoff grob gliedern und ĂŒberlegen, wie sich die Bestandteile zu einem Ganzen fĂŒgen.

Und zudem sollte es Ihnen auf der top-Ebene leichter fallen zu formulieren, ob und welche Relevanz das Thema fĂŒr Sie hat. Diese Relevanz sollten Sie immer fĂŒr sich möglichst klar formulieren, bevor Sie zu den Details ĂŒbergehen.

Woher nimmt man die nötige Motivation?

Oben wurde gefordert, "jedes Detail zu verstehen". Dazu ist ein gehöriges Maß an Motivation nötig und Motivations-Quellen wie PrĂŒfungsvorbereitung oder allgemeines Interesse versiegen meist nach kurzer Zeit. Woher soll man dann die Motivation nehmen?

Wenn Sie den ersten Punkt ernst genommen haben und Sie sich auf einer abstrakten Ebene – oder auch nur oberflĂ€chlich – einem neuen Thema genĂ€hert haben, werden Sie feststellen: Sofern das Thema fĂŒr Sie relevant ist, werden sich automatisch Fragen einstellen, die das Thema tiefer ergrĂŒnden oder auch nur wiedergeben wollen. VerdrĂ€ngen Sie diese Fragen nicht, sondern gehen Sie ihnen nach! Versuchen Sie dabei immer ein ausgewogenes VerhĂ€ltnis herzustellen zwischen dem Studium ihrer aktuellen Quelle, und den sich aufdrĂ€ngenden Fragen, die Sie anhand der Quelle zu beantworten versuchen.

Derartige Fragen resultieren – vermutlich – aus einer unbewussten BeschĂ€ftigung mit den neuen Inhalten und bereiten in unserem Gehirn VerknĂŒpfungen vor, um sie in unser bereits vorhandenes Wissen und Können einzubetten. Dieser Vorgang lĂ€sst sich wohl kaum erzwingen, kann aber unterstĂŒtzt werden.

Sie werden dann auch feststellen: NÀhert man sich einer Quelle mit diesen konkreten (besser: brennenden) Fragen, erzielt man tieferes VerstÀndnis als wenn man nur liest, um die Inhalte zur Kenntnis zu nehmen.

ErfahrungErfahrung, nicht lesen und hören ist die Sache. Es ist nicht einerlei ob eine Idee durch das Auge oder das Ohr in die Seele kommt. (Lichtenberg)

Non multa, sed multum!

Das Sprichwort "non multa, sed multum!" wird meist ĂŒbersetzt mit: "nicht vielerlei, sondern viel!" AusfĂŒhrlicher könnte man sagen: Es ist besser, eine Sache grĂŒndlich zu studieren als sich viele Sachen oberflĂ€chlich anzueignen. Diese Einstellung sollten Sie an den Tag legen, wenn Sie obiges "Versuchen Sie jedes Detail zu verstehen" umsetzen.

Gerade wer nur selten eigenverantwortlich gelernt hat und sich auf Anleitung anderer verlassen hat, wird dies fĂŒr Zeitverschwendung halten, da es noch so viel Anderes zu lernen gibt. Sie werden aber bald merken: Hat man sich einige Dinge grĂŒndlich erarbeitet, kann man das Gelernte auf andere Inhalte ĂŒbertragen und kommt dann um so schneller voran.

Verbindungen knĂŒpfen

Eine herausragende FĂ€higkeit des Menschen ist es, aus einem treffenden Beispiel die allgemeinen GesetzmĂ€ĂŸigkeiten herauszufiltern. Dies beruht darauf, dass wir sehr gut in Analogien denken können und derartige Abstraktionsprozesse schon mit Ă€hnlichen FĂ€llen durchgespielt haben.

Diese FĂ€higkeit können Sie nutzen, indem Sie stets versuchen, Verbindungen zwischen neuen und bereits bekannten Inhalten herzustellen. Dabei ist keine vollstĂ€ndige Übereinstimmung nötig; viel wichtiger ist es klar zu formulieren: worin bestehen die Gemeinsamkeiten und inwiefern bestehen Unterschiede?

Sie werden dann auch merken: je intensiver Sie sich mit einem Thema beschÀftigt haben, um so leichter fÀllt es Ihnen derartige Beziehungen herzustellen und Ihr bereits bestehendes Wissen und Können einzusetzen.

Eigene Projekte starten

Die einfachste Methode grĂŒndliches Lernen zu fördern und Motivation zu gewinnen, ist es ein kleines eigenes Projekt zu starten, das die zu lernenden Inhalte umsetzt. Überlegen Sie sich eine kleine Anwendung, die fĂŒr Sie selber spĂ€ter von Nutzen sein kann.

Bei der Umsetzung des Gelernten in einem Projekt haben Sie sofort die RĂŒckkopplung, ob Sie die Inhalte schon ausreichend verstanden haben und falls nicht, werden Ihnen genĂŒgend Anreize gegeben, um zur Theorie zurĂŒckzukehren und diese – jetzt mit einer konkreten Fragestellung – grĂŒndlich unter die Lupe zu nehmen.

Lesen im eigenen GedÀchtnis

Viele Ratgeber zum Thema Lernen – und sicher auch die bisherigen AusfĂŒhrungen – vermitteln, dass man beim Lernen möglichst aktiv sein soll und dass mehr Aufwand automatisch zu mehr Erfolg fĂŒhrt. Jeder kennt aber das GefĂŒhl, dass man einen Punkt erreicht, an dem man anscheinend keinen Fortschritt mehr erzielen kann. Hier ist es wichtig nicht mit noch mehr Aktionismus vorzugehen. Oft ist das genaue Gegenteil dienlicher: Warum nicht einfach alle BĂŒcher, Skripten und dergleichen weglegen und stattdessen "im eigenen GedĂ€chtnis lesen"? Das soll heißen, man soll sich immer wieder vergewissern, was man alles aufgenommen hat, ob man es in einer logischen Reihenfolge anordnen und die Inhalte ohne Ă€ußere Hilfe wiedergeben kann. Wenn man dies nicht kann, sollte man lieber zurĂŒckgehen und sich fragen, welche LĂŒcken zu schließen sind. Dies ist allemal hilfreicher als zu versuchen wieder Neues aufzunehmen.

Und wenn man sich auf eine PrĂŒfung vorbereitet, sollte man sich in die PrĂŒfungssituation hineinversetzen: Welche Fragen könnte ein PrĂŒfer stellen? Und wie wĂŒrde ich darauf antworten?

Und man darf nicht verschweigen, dass hier ein gesundes Maß an Selbstkritik nötig ist: Man muss auch in der Lage sein, sich einzugestehen, dass man manche Dinge nicht wiedergeben kann und nicht verstanden hat. Aber dies sollte um so mehr Anreiz sein, sich grĂŒndlicher mit der Thematik zu beschĂ€ftigen.

LichtenbergEs gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dĂŒrfen. (Lichtenberg)